Erschienen in der "Freien Presse" Chemnitz am 06.02.2004
VON UTE KREBS

Und plötzlich ist man wie in einer anderen Welt. Vergessen das schmuddelige Grau des Winters, die Kälte und die Dunkelheit. Hier ist Licht, hier ist Wärme - die etwa 20 Grad Celsius erlebt man im Wintermantel als fast schwül-warm - und hier ist Farbe. Ein verschwenderisches Meer von Farben: weiß und dunkelrot, gelb in vielen Schattierungen, orange, lila in allen nur denkbaren Tönen, braun, schwarz, grün-gestreift. Keine Blütenart gleicht der anderen, weder in Form noch in Farbe. Und ein Duft liegt in der Luft. Man möchte dem Zwitschern der Vögel lauschen, sucht nach flatternden Schmetterlingen. Ganz leise plätschert Wasser...
Nun gut, Schmetterlinge waren eine Fehlanzeige. Aber Blüten über Blüten, zwitschernde Vögel, Wärme und Licht: Das Chemnitzer Orchideenzentrum an der Zschopauer Straße kennt keine dunkle Jahreszeit.
Herr über diese blühende Welt ist Gartenbaumeister Gebhard. Rische. Er gerät ins Schwärmen, wenn er Besucher mit seinen grazilen Schönheiten bekannt macht, spricht von "leichten, beschwingten Cattleya", dem etwas "steifen, fast unnahbar wirkenden Frauenschuh". Orchideen, sagt er fast poetisch, seien Ausdruck für die Sehnsucht nach dem Süden. Wie passend, dass die meisten Sorten im Winterhalbjahr blühen.
Fast vier Jahrzehnte hat Gebhard Rische mit Orchideen zu tun. 1965 war es, erzählt er lachend, als in Karl-Marx-Stadt ein Blumenladen namens "Orchidee" eröffnet wurde.
"Grünpflanze" oder "Löwenmaul" solle der Laden heißen, von Orchideen sei dort doch weit und breit nichts zu sehen, lästerte bald der Volksmund. "Wir jungen Spunde waren damals an unserer Ehre gepackt, als unser Handelsleiter festlegte, wir müssten Orchideen züchten."
Man habe sich in Verbindung gesetzt mit dem Vater der Orchideen in der DDR, dem Crimmitschauer Walter Richter. Von ihm haben die jungen Gärtner die ersten Pflanzen bekommen, zu wenige allerdings, um eine Zucht aufzubauen. "Wir haben selbst ausgesät, vorschriftsmäßig ganz steril über dem Dampftopf in der heimischen Küche." Anfang der 70er Jahre blühten die ersten selbst gezüchteten Orchideen, "Olympia" und "Schneeprinzessin" hießen sie. Einen guten Namen hatten sich die Karl-Marx-Städter Gärtner republikweit gemacht, auf nationalen und internationalen Ausstellungen Medaillen geholt. Aber - wer sich erinnert - im Blumenladen "Orchidee" blieben die Orchideen dennoch weiterhin Mangelware.
Die Zeiten sind vorbei. Geblieben aber ist der gute Ruf des Chemnitzer Orchideenzentrums. "Wir haben Kunden aus ganz Deutschland, sogar aus Österreich und England", verrät Rische nicht ohne Stolz. 380 Arten der farbenfreudigen Blumen drängen sich auf den rund 600 Quadratmetern des Verkaufsbereichs, "Es werden weitere dazu kommen", kündigt der Chef dieses Betriebteils der Gartenbau GmbH Chemnitzer Blumenring an.
Und Rische führt in das "Allerheiligste", wo ein "Zutritt nur für Betriebsangehörige"-Schild den Eingang eigentlich verwehrt. Hier stehen die floristischen Kostbarkeiten, mit denen sich das Orchideenzentrum - seit 1995 wieder regelmäßig - mit Erfolg an nationalen Ausstellungen beteiligt.
Die werden gepäppelt und verwöhnt, wie es Teilnehmerinnen einer Schönheitskonkurrenz eben zusteht.
Zahlreiche Medaillen sind der Lohn für alle Mühe. Hier stehen rund 8500 Phalaenopsis-Hybriden, die im Topf und als Schnittblumen in den Verkauf kommen. Hier finden sich Catasetum aus Asien, deren Blüten fast mystisch anmuten. "Die habe ich importiert. Wir wollen die Pflanzen vermehren, damit sie in ein paar Jahren in den Verkauf gehen können", erklärt der Gartenbaumeister. Auch die auf den ersten Blick unscheinbaren Pflänzchen in schmucklosen Töpfen sind etwas Besonderes. Das ist die Kinderstube von Sämlingen aus Taiwan. "Wir wollen kein 08/15-Sortiment anbieten, deshalb kreuzen und vermehren wir selbst importierte Pflanzen."
Für Orchideenliebhaber und -Sammler, die es zunehmend auch in der hiesigen Region gibt. Und für den ganz normalen Kunden, der ein wenig Tropenflair auf die Fensterbank bringen will. Orchideen gehören wohl weltweit zu den faszinierendsten Blumen, die es gibt. Man schätzt die Zahl der verschiedenen Arten auf über 30.000. Die meisten von ihnen wachsen in den Tropen, aber auch in Europa, insbesondere im Mittelmeerraum, und in Deutschland - hier immerhin 54 Arten - kann man Orchideen finden.
"Man braucht für sie zu Hause nicht einmal einen besonders grünen Daumen'", behauptet Gebhard Rische. "Wo es dem Alpenveilchen auf der Fensterbank zu warm wird, fühlt sich die Orchidee wohl. Fachmännischen Rat gibt es beim Kauf gratis dazu. Und wer mit der Pflanze überhaupt kein Glück hat, der kann sie uns vorstellen. Wir finden meist die Ursache."